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Neue Zürcher Zeitung, 27. 3. 1999

Knies kühne Eurokraten-Parodie
Saisonpremiere des Schweizer Nationalzirkus in Rapperswil

fsi. Gewusst haben wir es eigentlich schon immer, aber jetzt ist es auch amtlich: Der Zirkus Knie ist europatauglich. Während mehr als zweieinhalb Stunden hat an der gestrigen Generalprobe in Rapperswil eine dreiköpfige Testkommission unter der Leitung der Engländerin Miss McCrystal das Unternehmen, vertreten durch den etwas vernagelten Chef Martin Kummer und seinen gewitzten Gehilfen Hugo, auf die Anwendbarkeit Brüsseler Normen hin geprüft. Da wurde untersucht, ob die Masse der Elefantendame Padma sich mit jenen der Europa-Güterwagen vertragen, und man prüfte die Dehnbarkeit ihres Rüssels; da musste das Publikum beweisen, dass es in mittlerer europäischer Beifallslautstärke zu applaudieren in der Lage ist, und auch die vorschriftsmässige Montage der Scheinwerfer war der Kommission einen Testblick wert.

Fulminanter Auftritt der Gaukler

Der Auftritt der fünf Gaukler der Klamauktruppe Karl's kühne Gassenschau, die heuer als Gastkomiker den roten Faden durch das Programm des Schweizer Nationalzirkus spinnen, dürfte zumindest zu Beginn auf manchen Zirkusbesucher etwas befremdend wirken. Wer schon einmal ein feuerwehrpolizeiliches Merkblatt über die gesetzlich vorgeschriebene Beschaffenheit und Grösse eines Werkzeugschrankes in einer Tiefgarage gesehen hat, wer sich mit der paragraphenreiterisch-sturen Schulbehörde eines grösseren Zürcher Landstädtchens herumgeärgert oder wer sich auch nur schlicht die Vorschriften für die Placierung einer Autobahnvignette an der Windschutzscheibe genauer angesehen hat, muss sich fragen, warum die kühnen Gassenschauer ausgerechnet Brüssel ins Visier nehmen mussten, wenn bürokratische Kleinkariertheit doch ebenso leicht und womöglich noch viel krasser im eigenen Land vor der eigenen Haustür zu finden wäre.

Im Laufe der Vorstellung allerdings wird das Verhältnis zwischen den zu prüfenden Schweizern und den prüfenden Brüsselern zunehmend versöhnlicher. Auch der schweizerische Föderalismus mit seinen oftmals skurrilen Auswüchsen (in jedem Kanton werden die Netze des Raubtierkäfigs mit anderen Knoten geknüpft) kriegt sein Fett ab, und ganz zum Schluss schweben Eidgenossen und Europäer funkenstiebend und knatternd einträchtig im Euro-Helikopter über der Manege - ob der Flug Richtung Brüssel geht oder nicht, bleibt dabei offen. -

Hat die Familie Knie bei der Wahl ihrer diesjährigen Schweizer Gastkomiker einen kühnen Schritt getan, so blieb sie beim Engagement der Artisten auf der sicheren Seite. Ein wahrer Glücksgriff ist die Liaoning Acrobatic Art Troupe aus China, ein 16köpfiges Frauenensemble, das sowohl mit den tanzenden Tellern als auch mit einer teuflisch guten Diabolonummer und besonders mit einer tollen Kunstrad-Vorführung brilliert, die in einer 16köpfigen Pyramide auf einem einzigen Velo endet. Eine echte Entdeckung ist die blutjunge Baslerin Stephanie Gasparoli am schwingenden Duplex-Trapez, und neben weiteren Artisten aus Russland, Italien und Frankreich verblüfft der Chinese Cong Tian das Publikum mit einer wirbligen Darbietung auf dem Schlappseil.

Elefanten, Tiger und Pferdedressuren

Die Familie Knie ist wie immer mit Tierdressur-Nummern präsent. Franco Knie zeigt gemeinsam mit dem Stallmeister Sacha Houcke sieben indische Elefanten im Arbeitseinsatz, Fredy Knie jun. präsentiert mit drei verschiedenfarbigen Bengaltigern die erste Raubtiernummer bei Knie seit drei Jahren, und Geraldine-Katharina und Mary-José Knie zeigen zwei - wie immer - wunderschöne Pferdedressuren. Geraldine, die eine reizende Vorführung mit vier weissen Kamelen oder besser: Trampeltieren aus Astrachan - und je vier Palomino-, Friesen- und Araberhengsten einstudiert hat, tritt für einmal nicht als Reiterin auf, derweil ihre Mutter Marie-José mit ihrem Lieblingspferd, dem Andalusierhengst Vaquero, eine reizende Adaption von Bizets <Carmen> zeigt. Choregraphiert hat diese Nummer übrigens Heinz Spoerli, der Ballettmeister des Zürcher Opernhauses.

Nachdem seit längerer Zeit regelmässig Grössen aus der Schweizer Komikerszene mit dem Zirkus Knie auf Tournee gehen, ist dies die erste Kooperation mit einem prominenten Vertreter aus dem Bereich der klassischen Künste. Und wer weiss, vielleicht hat damit eine neue Ära «interdisziplinärer» Zusammenarbeit zwischen Zirkus und arrivierter Kultur in der Schweiz ihren Auftakt genommen.

 

"CIRCUS ZEITUNG" Nr. 4/99

Knie & Karl's kühne Gassenschau

"...hier erlebt der Circusfreund - bei aller Reichhaltigkeit und Abwechslung im Ablauf - nur das, was er eben in der Manege zu sehen wünscht: den echten, unverfälschten Circus, in höchster Vollendung" - so urteilte kein Geringerer als der Dichter Carl Zuckmayer über den Circus Knie. Doch dies geschah vor 30 Jahren, als die Circuswelt noch in Ordnung schien und Knie, der Primus unter den großen Circusunternehmen Europas, mit seinen Artisten, Tieren und Clowns unangetastet der Inbegriff für modernen Circus war. Wo steht Knie heute? Und welche Erwartungen deckt er ab mit dem Stil seines neuen Programms? Eine Antwort auf diese Fragen ergab die Premiere in Rapperswil, wo der Schweizer National-Circus am 26. März die Reisesaison eröffnete, die 81. in seiner Geschichte.

Im Vordergrund stehen bei Knie natürlich die Tiere, und so verdankt das Programm auch diesmal der Vorführung schöner Dressuren faszinierende Momente. Eine große Freiheitsdressur, von Géraldine-Katharina Knie mit der ihr eigenen Souveränität präsentiert, vereint in der Manege zunächst vier weiße Kamele und vier Palomino-Pferde, denen sich - nachdem die Kamele das Rund verlassen haben - je vier Friesen-Rappen und Araberschimmel hinzugesellen. Ahnlich eindrucksvoll ist später auch der Auftritt von Mary-José Knie mit dem Andalusierhengst "Vanquero" zu Melodien aus der Oper "Carmen". Mary-José, im Habit der Zigeunerin, bewegt das edle Pferd nach kaum sichtbaren Zeichen frei in der Manege. Als Reiterin kehrt sie mit dem Andalusier zurück, um nun Gangarten der Trickschule ebenso wie die klassische Passage zu zeigen - das Ganze stilvoll choreographiert zur Musik von Bizet, stellenweise von Gesang untermalt. Daß die Knies nach drei Jahren erstmalig wieder Raubtiere in ihre Manege bringen, wird vom Publikum wie von den Medien beifällig registriert, auch wenn es diesmal "nur" drei Tiger sind, ein weißer, ein goldgelber und ein normal gefärbter. Fredy Knie jun. führt diese Tiere, die das Hochsitzen, Steigen und verschiedene Sprungvarianten beherrschen (und Flavio Togni gehören), im Netzkäfig sehr ansprechend vor.

Des weiteren zeigen Sacha Houcke und Franco Knie gemeinsam sieben Elefanten im Arbeitseinsatz und greifen damit eine beliebte Nummer wieder auf. Baumstämme werden von den Elefanten geschleppt, mit Stirn, Rüssel oder Vorderfuß geschoben und zuletzt auf einen Wagen gerollt, der von einem Wasserbüffel gezogen wird. Die Elefantin "Patma" produziert sich als Rechenkünstlerin, und beim anschließenden Seilziehen erweist sich ein Elefant gegenüber einem Dutzend junger Burschen aus dem Publikum als der Stärkere.

Mit ihren tanzenden Tellern eröffneten 13 Mädchen der Liaoning Acrobatic Art Troupe, die man noch mehrfach zu sehen bekommt, auf stimmungsvolle Weise das Programm. Zwei-Personen-Hoch, Kopf-auf-Kopf, das Balancieren der Schulterperche samt zweier Partnerinnen darauf, die ihrerseits Übungen der Körperelastik vollbringen, spielerisch leicht wird das alles demonstriert bei gleichzeitigem Drehen der Teller auf den Bambusstäben. Hübsch inszeniert sind die Diabolo-Spiele, ausgeführt von einem Quartett aus dem Reigen des großen Ensembles, das schlußendlich sich zur Akrobatik auf Kunsträdern zusammenfindet, mit welcher das diesjährige Knie-Programm seine Krönung erfährt. Synchronsprünge von Schulter zu Schulter und von Rad zu Rad in voller Fahrt gehören ebenso zum Repertoire wie das Fahren im Handstand. Zum Schluß das "Pfauenrad" mit 16 Artistinnen auf einem Fahrrad. Ebenfalls aus China kommt Cong Tian, der in Monte Carlo für seine Arbeit auf dem Schlappseil den Silbernen Clown errang. Er jongliert und zeigt den Handstand auf dem Einrad, dargeboten auf dem Schlappseil wohlgemerkt.

Das ist nicht alles: da sind die Pelligrini Brothers, die vier "Dream-Men" und Handstandequilibristen aus Italien, die Pyramiden bauen und ihre Muskeln so herausfordernd spielen lassen, daß die Jugend im Publikum mit Bravos nicht zurückhält. Stephanie Gasparoli, hervorgegangen aus dem Schweizer Jugendcircus Basilisk, arbeitet an einem sogenannten Duplex-Trapez, einem doppelstöckigen Trapez mit zwei Querstangen, und was der jungen Artistin daran an Figuren, Schwüngen und gedrehten Abfallern gelingt, war den Juroren beim Festival in Paris eine Silbermedaille wert. Einen Pas de deux am Boden und in der Luft, unter Verwendung von Strapaten geradezu poetisch zelebriert, zeigen die russischen Akrobaten Olga und Serguei, die sich ebenfalls eines Preises aus Paris erfreuen dürfen. Wenn bei ihnen und anderen auch Tonbandmusik zum Einsatz kommt, so liefert das Circusorchester unter Tino Aeby - um auch das hier anzuführen - eine insgesamt recht abwechslungsreiche Begleitmusik, mit der alle zufrieden sein können.

Gelacht wird häufig, nachmittags, wenn viele Kinder die Bankreihen füllen, vor allem über das Clown-Trio Caroli (Enrico und Alberto Caroli mit Eric Sanchez, assistiert vom Zwergaugust Spidi). Das Teller-Entree und der japanischen Florettkampf, schon von den Vorfahren der heutigen Carolis bei Knie vorgeführt, sind eine Reverenz an die klassische Clownerie; und tatsächlich: das kommt an. Mehr zeitbezogen, ja satirisch geht es bei Karl's kühner Gassenschau zu, und da haben wir sie endlich, die Protagonisten des diesjährigen Knie-Programms, die außerhalb der Schweiz wenig bekannt sein dürften. In ihrer Heimat ist diese Schauspiel- und Gauklertruppe, die auf die Züricher Pantomimenschule Ilg zurückgeht und mit wechselnden Produktionen unterwegs ist, recht populär.

Fünf Akteure sind es, die als Testkommission den Schweizer National-Circus auf seine EU-Tauglichkeit überprüfen wollen und mit dieser kleinen Geschichte um Verwaltungsnormen und Betriebssicherheit einen roten Faden durch das Knie-Programm spinnen. Das hört sich spröde an, gibt aber Anlaß zu urkomischen Szenen. Alle Rollen sind hervorragend besetzt, von der EU-Kommissarin, einer mehrsprachig parlierenden, geschäftig-schusseligen Dame, bis hin zum Schweizer Assistenten Hugo. Was die Gruppe für mein Empfinden für ein Circusprogramm so geeignet erscheinen läßt, sind ihre Aktionsszenen. Es passiert einfach viel: Slapstick-Ulk und Überraschungseffekte mit dem Spannungsgehalt eines Thrillers. Da radeln die EU-Dame und ihr Adlatus über ein hohes Seil, da soll in einer waghalsigen Aktion dicht über den Köpfen der Zuschauer ein Scheinwerfer entfernt werden, da geht der EU-Sekretär mit einer Attrappe des Zeltmastes aus beachtlicher Höhe zu Boden, um rasch wieder emporzuschnellen aufgrund eines Gummizuges, und das alles unter Anspielung auf die Reglementierungswut der Brüsseler Behörden - immerhin ein Thema. Zum Schluß entschwebt die Kommission per Helikopter über der Manege, und auch Hugo, der Schweizer, springt rasch noch mit auf - die Schweiz auf dem "Flug" gen Brüssel? Satire oder Prognose? Ich habe mich köstlich amüsiert. -

Als Fazit: Circuspuristen, die ob des eigenwilligen Programmtitels vielleicht die Nase rümpfen, können beruhigt sein. Wieder einmal ist es den Knies gelungen, schauspielerische Elemente in den Spielablauf einfließen zu lassen, ohne den "echten" Circus, wie ihn Carl Zuckmayer vor Augen hatte, zu schmälern. Im Gegenteil: die Vorstellung, ein tolles Programm ganz ohne Frage, gewinnt an Witz und Farbigkeit, ohne daß die Schauspieler den Artisten und Tieren die Schau stehlen würden. Die Mimen, mutig und vor allem komisch, sind eher selber zu Artisten geworden. Nachdenklich stimmte mich nur, was die "Zürcher Zeitung" zu sagen hatte: "Nachdem seit längerer Zeit (so las man dort) regelmäßig Größen aus der Schweizer Komikerszene mit dem Zirkus Knie auf Tournee gehen, ist dies die erste Kooperation mit einem prominenten Vertreter aus dem Bereich der klassischen Künste. Und wer weiß, vielleicht hat damit eine neue Ära interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Zirkus und arrivierter Kultur in der Schweiz ihren Auftakt genommen." - Bloß nicht, wie leicht käme die Circuskunst da unter die Räder. Aber die Knies werden schon wissen, wie weit sie gehen dürfen!

Klaus Lüthje